Regelmäßige Leser

Sonntag, 9. April 2017

Der junge Baum



Ihm war an seinem angestammten Platz langweilig geworden. Beinahe 60 Jahre hatte er im Wald ausgeharrt; für seine Nachbarn blieb er trotzdem immer der junge Baum.

Es traf sich gut, während er über mögliche Veränderungen nachdachte, toste ein Sturm durch den Forst. Zuerst wollte er sich nach seinen Genen verhalten; über Jahrtausende hatten die Vorfahren sich Wind und Sturm ergeben, geneigt, ihn an Krone, Ästen und Stamm vorbei ziehen lassen.

Heute jedoch war ihm nach Widerspruch. So bog er sich in den strammen Wind, bot ihm den Wipfel. Während Böe über Böe, Regenwind und Wetter durch das Geäst fegten, zog sein Leben an ihm vorbei. All die Begegnungen mit Nachbarn, die ihr Wurzelreich verteidigten, die vielen Menschen in seinem Schatten...Und während der junge Baum in seiner Geschichte versunken war, knickte eine besonders heftige Sturmböe ihn um. Er fiel.

Dies geschah im Januar. Im März des Jahres trieb er neue Zweige, aus zerschelltem Wipfel, aus freigelegten Wurzeln. Seit Juni ist er voller frischer, junger, grüner Blätter. Wer an windigen Tagen dort vorbei kommt, hört die Nachbarbäume tuscheln. Sie hatten sich immer gedacht, dass irgendetwas an dem jungen Baum anders war. Nun sehen sie sich bestätigt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen