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Mittwoch, 12. April 2017

Zu Hause




Mit einem lauten Pfeifen tobte der Herbst dem Wind durch den bunt gescheckten Wald. „Vorsicht“, rief er, „der Winter kommt! Zieht Eure Kleider aus!“
Und alle folgten seinem Ruf. Die Buchen, die Eichen, die Pappeln, ja, sogar die Birken und die stets traurigen Weiden.
Lediglich zwei Fichten, die sich einst während des Fluges einer überfütterten Brieftaube hier abgesetzt hatten und mittlerweile wohl im zwanzigsten Jahr in trauter Eintracht nebenein­ander standen und wuchsen, taten das, was sie bisher in jedem Jahr getan hatten wenn der Alarmpfiff des Herbstes kam:
Sie reckten ihre Spitzen gen Wolken, stöhnten ein vernehmlich-arrogantes „Püh“ - und störten sich nicht weiter daran. Irgendwie waren sie wohl etwas besonderes, in ihrem satten grünen Kleid unter den nackten, kahlen anderen Bäumen.

Das dachte sich wohl auch der Förster. Pünktlich jedenfalls zum 15. November erschien er mit der Motorsäge und sägte die beiden Fichten aus dem Wald.
Ein wenig traurig waren die anderen Bäume schon. Hatten die beiden doch auch im Winter, wenn alles kahl, grau oder schwarz-weiß war, noch ein wenig Farbe in die Tage gebracht. Aber letzten Endes, - sie waren immer Außenseiterinnen geblieben. Individualisten, mit denen sich eine anständige Eiche oder eine stämmige Buche auf Dauer nicht unterhalten wollte. Also gingen Buchen, Eichen, Pappeln, Birken und Weiden bald wieder ihrem gewohnten Tagesablauf nach.

So hätte nun diese Geschichte ein Ende. Erwähnenswert ist allenfalls, dass der Weihnachts­tag unsere beiden Fichten mit großem Pomp und hellen Lichtern erlebte. Bunte Kugeln, strahlende Kerzen und silberne Fäden glitzerten auf ihren Ästen. Eine der beiden stand vor dem Kaufhaus am Marktplatz, die andere vor der Kirche. Beide vermissten einander und – wer hätte das gedacht – die anderen Bäume im Wald. Nicht lange nach Weihnachten, noch vor dem Silvestertag warfen auch sie ihr grünes Kleid ab und bereits kurze Zeit später nahm man ihnen auch den bunten Schmuck.

Das neue Jahr erlebte sie auf dem Haufen für den Kompost. Und jetzt dauerte es nur wenige Tage, dann wurden sie zerstückelt und gehäckselt. Im Frühjahr wurden sie auf einem Weg neben dem Wald verstreut. Irgendwie – fühlten sie sich zu Hause.

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